Stückbesprechung: „Oberon“ von Carl Maria von Weber (Libretto + dt. Übersetzung)

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Oberon, König der Elfen. Romantische Feenoper in drei Aufzügen. Nach dem englischen, der Tondichtung des Hrn. Capellmeister Freiherrn Karl Maria von Weber untergelegten, Originale von J. R. Planché für die deutsche Bühne übersetzt von Theodor Hell. Dresden, Arnold. 1826. 8. 16 Gr.

Das Gedicht, welches der letzten Tonschöpfung unsers trefflichen Weber zum Grunde liegt, wird eben deshalb gewiß das Interesse des Publicums in Anspruch nehmen. Ob es aber den Erwartungen entsprechen dürfte, ist eine andere Frage. M. v. Weber selbst hat sich gegen den Verf. dieses Aufsatzes unzufrieden über manche Einrichtungen seines Textes geäußert, die aber nach den einmal eingeführten Foderungen der englischen Bühne ein unumgängliches Uebel waren. Dahin gehört z. B., daß mehre Hauptpersonen, die bedeutend in die Handlung eingreifen, nur sprechend, nie singend erscheinen, was der Musik einen immerwährenden Hemmschuh anlegt, sie stets nur zur Begleiterin der Handlung macht und ihr nie gestattet, sich selbsthandelnd frei und eigenthümlich zu entwickeln. Ueberdies veranlaßt dies eine Menge überflüssiger Scenen, deren flüchtiger Dialog da, wo er einen ernsten Charakter haben soll, ganz ohne Wirkung bleibt, wo er komisch zu werden versucht, in’s Platte verfällt. Das Letztere ist mit der ganzen Rolle des Scherasmin der Fall.

Wieland’s Gedicht ist zu bekannt, als daß ich den Inhalt der Oper wiederzugeben brauchte; er ist in den äußern Begebenheiten durchgängig derselbe. Doch, was bei unserm Dichter in einer schönen künstlerischen Folge erscheint, ist hier ohne dramatische Motive, die doch ganz andere sein müßten als die des Epos, nebeneinander gestellt, oder besser an eine Schnur nacheinander aufgereiht. Das Einzige, wonach der Verf. strebt, sind Theaterwirkungen, d. h. solche, die durch | den Maschinisten und Decorateur erreicht werden können. Das bringt den großen Nachtheil hervor, daß uns die Verhältnisse der Personen weder im Glück, noch im Leid jemals wirklich berühren; sie stehen beständig als Automaten des Dichters vor uns. Nur einer so trefflichen Musik wie Weber’s, die sich der Empfindung in der Gegenwart so ganz bemeistert, vermag es, uns diesen Uebelstand vergessen zu machen und uns das Gedächtniß für die Art, wie gewaltsam ein Moment herbeigeführt ist, und die Voraussicht, wie ungeschickt er gelöst werden wird, zu rauben. Diese große musikalische Kunst hat Weber schon in der „Euryanthe“ vorzüglich geltend machen müssen, und leider durfte er sie bei’m „Oberon“ nicht aufgeben. Es wird demnach aus einer wahren, von dem Leben und Hauch der Musik innig durchdrungenen Oper nur ein Augenschauspiel, das eine reizende Musik begleitet, wie z. B. „Preciosa“.

Wahrscheinlich hat sich indeß der Verf. des „Oberon“ dem englischen Bühnengeschmack ebenfalls nur ungern unterworfen, denn in einzelnen Scenen, Arien und Romanzen zeigt er ein nicht geringes dichterisches Talent, das uns durch den bescheidenen Sinn der Worte um so lieber wird. Insofern daher eine lyrische Behandlung des Textes der Musik unumgänglich nothwendig ist, hat er ihren Foderungen ein ehrenwerthes Genüge geleistet. Als die bessern Gedichte dieser Art bezeichne ich den ersten Chor der Elfen: „Leicht wie Feentritt nur weht“ u. s. w., die Arie Fatimes: „Arabiens einsam Kind“, den Gesang der Meermädchen am Schluß des zweiten Akts, der freilich ganz getrennt von der Handlung dasteht und wol nur die Gelegenheit zu einer Decoration und einem Ballet sein soll, – und eine Romanze Fatimes: „Arabien, mein Heimathland“.

An einigen Stellen findet sich Dialog, wo offenbar Musik eintreten müßte, wenn nicht die nur sprechenden Personen wiederum das Hinderniß wären. Besonders ist dies der Fall in der Scene, wo Rezia, Hüon’s Gemahlin (Wieland’s Amanda), von Seeräubern entführt wird. Es ist dies der einzige Moment, wo wir wahrhaft von der Situation ergriffen werden, und gerade da muß der Musiker das Recht haben, durch seine Zaubergewalt die Empfindungen zu potenziren. Dieser Fehler kommt, obwol nicht so auffallend, noch öfters vor.

Genug vom Original; jetzt zur Uebersetzung. In der Vorrede entschuldigt Th. Hell, daß er der Musik wegen die Rhythmen der Verse öfters habe vernachlässigen müssen. Nur ein ganz kenntnißloser Beurtheiler könnte diese Entschuldigung unstatthaft nennen. Wer jemals den Versuch gemacht hat, den einer guten Musik untergelegten Text zu übersetzen, wird dabei so viel Schwierigkeiten finden, daß er sich den Beschränkungen des Versmaßes oft entziehen muß, um nicht auf andere Weise empfindlicher zu verletzen. Obwol dies bei’m Lesen eines solchen Gedichts allerdings nicht eben vortheilhaft für dasselbe wirkt, so kann es doch nicht von großem Gewicht sein, da die Hauptbestimmung dieser Verse ist, gesungen zu werden, wo in den musikalischen Rhythmen und Wiederholungen die poetischen durchaus verschwinden, ja selbst der Reim oft nicht mehr gehört werden kann. Nur selten, am häufigsten jedoch bei Liedern, ist die Composition von der Art, daß Versmaß und Rhythmus des Gedichts dem musikalischen Rhythmus durchaus zum Grunde liegen. Solche Gedichte sind aber auch oft ganz unübersetzbar, und wenn man sie auch aus einer fremden Sprache in die deutsche hinüberzwingt, so werden sie doch fast ohne Ausnahme steif erscheinen. Wer in solchem Fall den Dichter schilt, der pflegt gewöhnlich keinen Begriff von der Schwierigkeit der Arbeit zu haben, und meint in seiner Unkenntniß, dem wahren Fleiße und Genie sei keine Aufgabe unmöglich. Der mit Versbau und Musik Vertraute wird indeß längst erkannt haben, daß hier oft Räthsel vorkommen, die nicht zu lösen sind, oder um uns eines mathematischen Gleichnisses zu bedienen, daß häufig nur eine Annäherungsmethode zur ¦ Auflösung der Gleichung bis auf einen gewissen Grad angebracht werden kann. Weil dies von vielen Uebersetzern nicht eingesehen worden ist, so haben wir auch mitunter so verrenkte, entsetzliche Uebertragungen, daß nur der dem Deutschen leider sehr alltäglich gewordene Verkehr mit den schlechtesten Versen sie erträglich macht. Dahin gehört z. B. auch, auffallend genug, die Uebertragung der „Olympia“ des sonst so genialen Hoffmann, wo nicht einmal des Rhythmus, sondern der noch viel unbedeutendern Reime wegen der Sprache eine ewige Qual angethan wird. Um Hrn. Hell’s Arbeit genauer zu würdigen, müßten wir den Clavierauszug zur Hand nehmen, und alsdann gehörte unsere Beleuchtung in eine musikalische Zeitung. So können wir nur ganz im Allgemeinen sagen, daß die Uebertragung zu den bessern gehört, die uns bekannt sind, was sie gewiß dem dabei beobachteten, in der Vorrede ausgesprochenen, Grundsatz, der auch ganz in der Ansicht des Componisten gelegen haben muß, verdankt. Doch scheint es uns, als habe der Herr Uebersetzer sich noch nicht frei genug von der alten einzwängenden Ansicht gemacht und darum noch manche Härten stehen lassen, die besonders in der Musik auffallend werden, wie uns aus einigen Noten, die uns im Ohre liegen, erinnerlich ist. Dahin gehört z. B. gleich in Nr. 1 der Vers: „Viel zu laut der Zephyr stöhnt“. Das Wort stöhnen ist an sich ganz unpassend, wird es aber noch mehr durch die äußerst zarte geisterartige Behandlung in der Musik. Jedes andere Wort wäre besser gewesen, es mochte sich auf das vorhergehende „tönt“ reimen oder nicht. Ob Reim und Wohlklang zugleich zu erreichen gewesen wären, ist die Frage; gewiß aber ist es, daß Niemand, der den Chor singen hört, den Reim vermissen würde. Er steht daher nur der alten Regel zu gefallen, und weil der Engländer, der es freilich vor der Composition leicht hatte, gereimte Verse schrieb. Wäre daher der Hr. Uebersetzer in seinem Grundsatz noch etwas freier gewesen, er hätte diesen Fehler und die nachstehenden, die wir nur eben herausheben, ohne zu behaupten, daß sie die einzigen sind, vermieden. „Babylons Flut“, um auf „Wuth“ zu reimen. Es ist aber nichts Anderes, als wenn Jemand die Themse Londons Flut nennen wollte, wo ein schlechter Geograph, dem Sprachgebrauch nach, durchaus einen Fluß vermuthen müßte, der London hieße. Den Fluß Babylon aber kenne ich nicht; vermuthlich Prof. Ritter in Berlin auch nicht.
          S. 52:
               Schneller als ein Thau, der blinkt,
               Rosendiadem entsinkt.
Ist sehr steif.
          S. 67:
               Leichten Sinns tragen wir
               Uferentlang, bei der hellen Zier.
Womit der Mond gemeint ist. Doch genug der Art. Anderes sind nur Nachlässigkeiten, oder besser, Vergeßlichkeiten, wie z. B. die Kakophonie im prosaischen Dialog: „Zärtlich wie die (Augen) des Rehs des Gebirgs.“

Dieser nicht ganz seltenen Mängel ungeachtet, bleibt die Uebersetzung doch eine der bessern, die wir besitzen, und wer die Schwierigkeit des Unternehmens zu würdigen weiß, wird sich gewiß dem Hrn. Uebersetzer dankbar verpflichtet fühlen, daß er auf das Werk unsers unsterblichen Meisters einen so großen Fleiß verwendet hat, der selten gebührend anerkannt wird, weil Jeder nur die Mängel, nicht die Schwierigkeit, sie zu beseitigen, zu beachten pflegt. 75.

Apparat

Zusammenfassung

Besprechung des Zusammenspiels von Text und Musik des Oberons von Carl Maria von Weber, sowie Besprechung der deutschen Übersetzung durch Theodor Hell.

Entstehung

Verantwortlichkeiten

Übertragung
Jakob, Charlene

Überlieferung

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